Gut eine Woche ist es nun her, dass ich nach Hause zurückgekehrt bin. Eine Woche, in der mein Leben wieder "normal" werden sollte, eine Wocher voller Emotionen, Glück, Trauer, Freude, alles durcheinander. Ich bin wieder zu Hause. In Deutschland. Nach zehn Monaten Auslandsaufenthalt habe ich meine Familie wiedergesehen, der Moment, alle zu umarmen war magisch. Ich habe Sommerferien, ich tanze durch die Stadt, ich bin glücklich und alles ist so viel, dass es mir gar nicht so richtig bewusst wird.
Und dann kommt heute. Ein Regentag und die Fassade bricht. Der Regen passt zu meiner Laune. Ich mochte Regen als kleines Kind, fasziniert von den Geschichten, die die Tropfen an die Fenster malten. Ich mochte Regen und mag ihn auch noch immer - für mich ist das keine schlechte Laune. Aber auch keine Strahlelaune. Ich habe keine schlechte Laune, ich bin irgendwie traurig. So viele Emotionen auf einmal. Die letzten Tage habe ich mir eine Fassade gebaut, so stark, dass ich selbst dran geglaubt habe. Habe gelacht, getanzt, das Leben gefeiert, den Sommer genossen, alte Freundschaften gestärkt, neue Unterhaltungen, Erfahrungen, Spaß - ein perfekter Start in die Ferien.
Und heute merke ich, dass ich mir selbst etwas vormache. Ich kann nicht einfach in mein altes Leben hineinschlüpfen. Finde meine alte Rolle nicht mehr oder sie passt nicht. Ein paar Tage lang habe ich diese Gedanken weit von mir weg geschoben, nicht gezwungenermaßen, ganz einfach ging das. Wenn Leute mich fragen, wie es denn ist, wieder zu Hause zu sein, dann sage ich, es sei gut. Wunderschön. Ich sage, dass ich glücklich sei. Ich bin glücklich. Das steht außer Frage. Aber ist es wirklich schön, wieder zu Hause zu sein? Wenn ich mich selbst fragen würde, würde ich diese Frage 'Wie ist es denn, wieder zu Hause zu sein?' eher mit "komisch" beantworten. Da ich das Zuhause-Sein noch nicht einschätzen kann. Natürlich freue ich mich, wieder hier zu sein! Es ist schön. Aber ich bin noch nicht wieder angekommen. Und das wird auch noch sehr lange dauern.
So kitschig es auch klingt - ein Stück von mir ist da geblieben! Ein Stück ICH ist für immer dort, in dieser Kultur zwischen Orient und Okzident, am Bosporus, in der Wüste, in der Türkei. Ich bin froh darüber, aber gleichzeitig muss ich mich selbst wiederfinden. Eine Banalität, ein Gedanke, und da kommt dieser Kloß in meinem Hals. Ich weiß nicht, ob ich zurück möchte. Aber ich bin noch nicht wieder hier.
Ich liebe die Türkei und die Erfahrungen, die ich in den letzten zehn Monaten dort gemacht habe, wird mich für immer an dieses Land binden. Es war das intensivste, das schrecklichste und das wunderreichste Jahr meines bisherigen Lebens. Noch nie habe ich so viel gelitten, um mich im nächsten Augenblick als der glücklichste Mensch der Erde zu fühlen. Ich bin noch nicht bereit, das loszulassen!
Ich liebe Deutschland und mein Leben hier, meine Möglichkeiten, mein Zuhause. Ich bin noch nicht bereit, wieder voll anzukommen.
Vielleicht ist es das, was mich im Moment ausmacht. Diese Zerissenheit zwischen den Kulturen. Ich muss mich finden und meinen Weg finden. Wie ein Sandkorn wirbel ich im Moment hin und her, fege über die Straßen und werde gedanklich jeden Tag von der Wüste zum Wald und wieder zurück getragen. Und das ist okay. Zumindest für den Moment.
Wenn ich mir jetzt Fotos ansehe, vermisse ich Istanbul wie verrückt. Meine große Liebe, diese Stadt, die mich aufgefangen hat, als ich mich alleine gefühlt habe. Ich vermisse das Meer, die engen Gassen, die alten Männer am Straßenrand mit ihren Simitständen. Ich vermisse die kreischenden Möwen, den Gesang der Muezzine, wenn ich eigentlich schlafen will, die Intensität der Früchte, die Farben des Himmels. Ich vermisse das braun der Natur, das blau und türkis des Wassers. Ich vermisse die Sprache, die sich vor zehn Monaten noch wie Kauderwelsch anhörte für mich, die ich jetzt aber fließend spreche. Ich vermisse kleine Zeichen, ein Lächeln von der Frau im Bus, die Sonne, die genau vor meinem Fenster untergeht, der Glanz der Lichter in der Abenddämmerung.
Ich werde niemals aufhören, von dieser Stadt zu schwärmen, sie zu vermissen und immer träumen, eines Tages zurück zu gehen.
Und gleichzeitig konzentriert sich gerade jede Faser meines Körpers darauf, wieder anzukommen. Hier, in Deutschland. Bei meiner Familie, meinen Freunden, die ein ganzes Jahr lang so geduldig auf mich gewartet haben und denen ich jetzt einfach ein Lachen schulde. So groß, wie die Sonne.
Dienstag, 08. Juli 2014, 16.20 Uhr: Ich liege in meinem Zimmer auf dem Bett, höre türkische Musik und vermisse alles ganz doll. Aber irgendwie nicht mehr auf so eine bittere Weise wie am Anfang. Die Zeit fließt sowieso unaufhörlich. Und irgendwann, irgendwann werde ich zurückgehen! Zurück in das Land, was eine zweite Heimat für mich geworden ist.
dieser text ist einfach nur wunderschön. Toll geschrieben.
AntwortenLöschenLiebst, Carolin