Dienstag, 17. November 2015

In diesen Tagen.

"Terrorismus (der), gewalttätige Handlungen Einzelner oder kleiner Gruppen mit dem Ziel, eine Fremdherrschaft zu beseitigen oder eine politische und gesellschaftliche Ordnung grundlegend zu verändern. Typische Mittel des Terrorismus sind Attentate, Bombenanschläge, auch Flugzeugentführungen und Geiselnahmen." (Quelle: Die ZEIT, Das Junior-Lexikon, hrsg. 2007)

Nur, dass die Terrororganisation "Islamischer Staat" nun wirklich keine kleine Gruppe ist. Nur, dass ich gar nicht weiß, wen sie alles beseitigen wollen. Vermutlich alle. Denn auch ihre eigenen Anhänger schicken sie durch Selbstmordattentate in den Tod. 
Paris am 13. November 2015 hat mir das - wieder einmal - deutlich gemacht. Was bringt es, gegen irgendetwas zu kämpfen, bringt es doch nur Radikalisierung auf Gegenseite. Das hier ist ein Kampf, den wir gewinnen müssen, was wir durch einfache Kriegsführung aber nicht so einfach können. Hier geht es um mehr! Es geht um unsere Werte. Um Menschenrechte. Um die Freiheit, zu leben. 

"What happens in the name of God anywhere is not really in the name of God. He is named God, Allah, Jahwe or Jah, but he is a PEACEFUL God. Those who are killing their brothers and sisters for a "paradise" didn't understand God's constitution." (Quelle)

"Manchmal, wenn man ganz lange nichts schreibt, kommt einem jedes neue Wort belanglos vor. Dann schreibt man und löscht wieder und schreibt und löscht, nur um nach einer halben Stunde festzustellen: So viel hast du also zu sagen. Nichts. Der Cursor blinkt neugierig in einem leeren Dokument.
Am Wochenende stand dann so richtig die Zeit still. Ja, es ist falsch zu beten wenn Religionen Schuld an solchem Auseinanderdriften von Menschlichkeit und Gerechtigkeit sind, und ja, es ist falsch nur Paris zu gedenken, wenn auf der ganzen Welt Schlimmes passiert. Es ist ein menschliches Phänomen, in Landesgrenzen zu denken, Dinge schlimmer und bedeutsamer zu finden, je näher sie uns geografisch betreffen. Und genauso ist es falsch, Leute anzugreifen (schuldig!), dafür dass sie sich raushalten, sofort weitermachen, ihre Profilbilder rot-weiß-blau färben, sich äußern oder schweigen. Mir wird schlecht bei Whatsapp-Nachrichten in Gruppen, wo dann auf einmal “die Flüchtlinge” Schuld sind, die wir uns alle selbst hergeholt haben. Wie in Trance klicke ich “Gruppe verlassen”." (luiseliebt)

"Coexist. Die Botschaft steht überall. Wieso kommt sie nicht an?" hatte ich im Februar nach meinem Besuch in Paris in mein Tagebuch geschrieben (hier). Das war kurz nach den Anschlägen auf die Redaktion "Charlie Hebdo" und die jüdischen Geschäfte in Paris.

"Maybe this world is another planet's hell." - Aldous Huxley

Aber das will ich nicht! Denn eigentlich lebe ich ganz gerne hier. Es gibt auch schöne Dinge, für die ich gegen die schlechten kämpfen möchte. 

Kämpfen. Man sagt das so leichtfertig. Aber eigentlich will ich gar nicht kämpfen. Zumindest nicht mit Waffen. Meine Waffen sind Worte. Freundschaft. Verständigung, Dialog. Ich habe Angst, seitdem François Hollande gemeint hat, Frankreich befinde sich in einem Kriegszustand, die Attentate seien ein Kriegsanriff gewesen. Wir sagen, es war kein Angriff auf Paris, kein Angriff auf Frankreich. Nein, es war ein Angriff gegen uns alle. Gegen europäische Werte. Gegen ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit. Heißt das, wir befinden und jetzt im Krieg? Ich habe Angst vor vorschnellen Entscheidungen. 

"Aber wen soll, nach all den Jahren, die der Krieg gegen den Terror schon andauert, die Aussicht auf noch mehr Krieg überzeugen? Dem Nahen Osten mangelt es an manchem, sicher nicht am Willen und an den Mitteln zur kriegerischen Auseinandersetzung. Doch es wurde damit immer nur schlimmer." (Nils Minkmar in SpiegelOnline)

"Ich will meine eigenen Urteile treffen; und manchmal will ich auch keine treffen. Oder zugeben, dass ich keine treffen kann.
Weil die Welt komplizierter ist. Weil fast alles grau und fast nichts schwarz oder weiß ist." (Yassin Musharbash in "Die ZEIT" zu 9/11)

"In Wahrheit ist diese Schutzlosigkeit, die Fragilité das Kennzeichen unserer offenen Gesellschaft und die hohe Zahl der Opfer ihr Preis. Diese Wahrheit sollten wir uns ehrlich eingestehen." (Nils Minkmar in SpiegelOnline)

Ich möchte aber diese offene Gesellschaft nicht aufgeben! Eine Gesellschaft geprägt von Freiheit, Selbstbestimmtheit. Ja, dafür muss ich ein Opfer bringen. Das Opfer der absoluten Sicherheit. Aber gibt es in unserer heutigen Welt überhaupt eine absolute Sicherheit? In einer Welt, die so vernetzt ist, die so unübersichtlich, chaotisch, kunterbunt ist. 

"Mit Terroristen ist nicht zu verhandeln!" (Helmut Schmidts Reaktion auf die Entführung Hanns Martin Schleyers durch die RAF)
Ich sehe das auch so. Und vor allem ist nicht über unsere Demokratie zu verhandeln! Über unseren Lebensstil, über unsere Grundwerte und über die Menschenrechte. Menschlichkeit ist etwas, das verteidigt man. Und schutzlose, unschuldige Menschen umzubringen verstößt gegen jedes Gesetz auf dieser Welt! Wir alle müssen uns in Toleranz versuchen, dürfen jetzt nicht panisch aggressiv auf andere losgehen. Es sind nicht DIE Muslime, die Schuld sind! Es sind einige Menschen, die leider ihre Religion zum Vorwand nehmen, schlimme Dinge zu tun. Aber es sind DIE Menschen, die damit verletzt werden. Toleranz fängt schon damit an, jeden individuell mit den Ereignissen in Paris am Wochenende, im Sinai vor zwei Wochen, in Beirut am Donnerstag umgehen zu lassen...

"Maybe we should start with ourselves and how we treat the people around us. Maybe we should stop fighting about what is right in moments like this.. how you treat the situation right. With posting stuff, not posting anything. Moving on - being frozen in time." (Ena Bothor)

Und zuletzt:
"Das Leben ist kostbar und sowas wie Frieden alles andere als selbstverständlich." (Regina auf ihrem Blog MALINA)

4 Kommentare:

  1. Wow, ein sehr ausführlicher Text zu einem wichtigen Thema :)!!

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  2. Terrorismus ist ein schwieriges Thema. Einserseits macht es einem natürlich irgendwo Angst zu sehen, wozu manche Menschen imstande sind und zu wissen, dass solche Anschläge praktisch jeden treffen könnten, auch einen selbst. Aber andererseits darf diese Angst nicht die Oberhand gewinnen, müssen wir über diesen Teil der Menschheit hinweg auf all das Schöne in der Welt schauen und versuchen mit dem Verlust klarzukommen. Sehr schwierig finde ich auch die Frage nach dem Umgang mit Terrororganisationen wie dem IS. Ich bin pazifistisch und genau so wie du komplett dagegen als Antwort mit dem Militär anzurücken und Raketen auf Städte fallen zu lassen, die immer noch von Zivilisten bewohnt werden. Aber wie geht man sonst mit schon vorhandenen Terrororganisationen um, außer sich darum zu bemühen, dass keine weiteren Menschen es als richtig empfinden da mitzumachen?
    xxx

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    1. Ich bin absolut deiner Meinung. Aber ich glaube nicht, dass Gewalt gegen den IS Menschen davon abhält, da beizutreten und die Terrororganisation zu unterstützen. Gewalt kann immer gegen einen selbst (als Bumerang) verwendet werden und der IS ist gerade darin meisterhaft :( Ich glaube, Terror einzudämmen hat ganz viel mit Stabilität und Sicherheit, sowie Bildung auf der Welt zu tun...

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    2. Das stimmt... Es scheint ja auch so, dass die meisten Menschen, die sich Terrororganisationen anschließen, aus ghetto-ähnlichen Vororten kommen und selber keine Alternative im Leben haben.

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